Freeride - Les Diablerets © Bestjobers / Max Coquard

Sven Mermod

Denk mal kurz an früher…


Was sind deine ersten BergErinnerungen?
Ich bin in Les Diablerets aufgewachsen, in den Bergen, und war schon als kleiner Knopf mit Ski, mit dem Velo und allem, was fährt, in den Bergen unterwegs. Und wie
alle schlauen Kids habe ich alles ausprobiert, um ohne anzustossen möglichst bis vor mein Haus zu fahren. Damals habe ich viele kleine Schleichwege entdeckt, die
nach Hause führten. Die Berge waren ein super Spielplatz, und ich habe gelernt, mich darin zu bewegen.

Und deine ersten Schritte auf den Ski?
Meine Mama war an einem See aufgewachsen und mein Papa war selbstständig, drum konnten mir beide nichts beibringen. Weil ich ein ziemlicher Wildfang war,
haben mich meine Eltern aber schon als ich noch sehr klein war zu allen möglichen Sportaktivitäten geschickt, bei denen ich überschüssige Energie loswerden
konnte. Deshalb habe ich auch schon früh im Skiclub mitgemacht.

Wie bist du zum Freeriden gekommen?
In den 90er Jahren war der Glacier3000 ganzjährig geöffnet und für Sommercamps sehr beliebt. Das hat eine Welle von Snowboardern zu uns getragen, und so lernte
ich Leute kennen, die neue Wege gehen wollten. Damals waren Freerider und Freestyler noch viel mehr ein gemischter Haufen, die beiden Disziplinen waren noch
nicht so klar getrennt. Diese Leute hatten eine offenere Art, an den Schneesport heranzugehen. Les Diablerets war ein beliebter Szenetreff für Freeride-Amateure und
alle, die sich in den Bergen frei bewegen wollten.

Was ist deine schönste Reiseerinnerung?
Meine erste Reise in den Himalaya, 1998, hat meine Sicht auf die Welt total verändert. Wir sind mit sehr bescheidenen Mitteln losgereist und wussten nicht einmal
genau, wo wir hingehen. Trotz der mangelhaften Vorbereitung hat sich unser vages Projekt aber zu einer richtigen Reise entwickelt. Vor der Abreise hatte uns ein
Freund aus Les Diablerets von einem Felsenunterstand erzählt, der für uns ideal gelegen war. Diese kleine Hütte wurde für uns ein Heim und eine Zuflucht. Sie war von
endlosen Hängen umgeben, an denen wir unseren Spass am Schneesport hemmungslos ausleben konnten.
Fünf Wochen lang waren wir dort vom Rest der Welt abgeschnitten und nur über ein Satellitentelefon erreichbar. 2002, auf unserer zweiten Reise, haben wir beschlossen, den Felsenunterstand zu einer richtigen Skihütte auszubauen. Diese Skihütte hat inzwischen eine gewisse Bekanntheit erlangt und wird von vielen Gruppen aus der ganzen Welt genutzt. In einem Dorf weiter unten gibt es einen kleinen Laden, der als Vermittlungsbüro dient.

Wie sah diese Hütte unter den Felsen aus?
Sie liegt auf 4005 m über Meer. Auf unserer ersten Reise haben wir mit 8 Leuten in dem kleinen Felsenunterstand geschlafen. Die Rückwand der Hütte besteht aus einem riesigen, über 20 Meter hohen Felsen, der sie vor Lawinen schützt. In der Mitte des mittleren Raums steht ein Holzofen, mit dem man kochen und den Raum auch
beheizen kann. Direkt neben der Hütte entspringt eine Quelle! Ein unglaubliches Glück! Und um uns herum nichts als jungfräuliche Natur zum Auskundschaften.
Tausend unberührte Hänge, die darauf warteten, dass wir mit den Ski unsere Spuren hineinzeichneten.
Die Nahrungsmittel wurden von einem Dorf im Tal herangeschafft, 8 Marschstunden von unserer Hütte entfernt. Die ganze Nahrung musste auf dem Rücken transportiert werden. Dank einem indischen Freund, der die Lebensmittelvorräte in der Hütte vor unserer Ankunft auffüllte, hat es uns an nichts gefehlt, wir hatten sogar
Gemüse, Honig und Morcheln!

Was waren die grössten Schwierigkeiten, denen auf dieser Reise du begegnet bist?
Auf unserer ersten Reise haben wir ziemlich stark abgenommen, weil wir vor allem für die Abfahrt geeignetes, sehr schweres Material dabei hatten. Am Ende unserer
Reise sahen wir ein wenig zum Fürchten aus. Wir konnten unsere Rippen zählen.
Wenn du einmal dort bist, steht die Zeit still, der Rhythmus ist anders. Der Stress fällt weg, alles geschieht in einem anderen Tempo. Ich glaube, dass jeder von uns
8 Stunden marschieren kann, man muss sich nur anpassen und auf sich achten können, sich richtig ernähren und vor allem eine Pause einlegen können, wenn der
Körper eine braucht.

Welche anderen Länder hast du besucht?
Österreich, Italien, Frankreich, den Libanon, Australien, Neuseeland, Nepal und Indien. Jede dieser Reisen war unvergesslich, aber der Himalaya ist der Ort, der mir
wirklich am Herzen liegt. Dort hat alles eine andere Dimension, das Gelände kann man nicht wirklich definieren, man kann nie sagen, dass man es jetzt gesehen
hat. Die Natur ist so überwältigend, dass man sich plötzlich ganz klein fühlt. Alles läuft über die körperliche Anstrengung und die mentale Kraft. Ich will demnächst
wieder hin.

Wer sind deine Hauptsponsoren?
Meine Hauptsponsoren sind Total Feet und Mammut. Das sind zwei sehr zuverlässige Marken, und vor allem verstehen sie es, auf meine Bedürfnisse einzugehen.
Früher habe ich bei Dynastar in der Entwicklung gearbeitet, ich habe klare Vorstellungen davon, welche Art Material mir wirklich liegt.Ich besitze 3 Paar Ski, aber theoretisch verwende ich nur 2. Zum Glück bin ich kein Sammler, denn wenn ich alle meine Ski behalten hätte, käme ich gar nicht mehr in meine Wohnung hinein.

Welche Stärken braucht man zum Freeriden?
Ein guter Freerider braucht eine gute körperliche Verfassung, ein intaktes Herz-Kreislaufsystem und Ausdauer. Das Bewegen im Schnee ist anstrengend. Wenn du körperlich nicht in Topform bist, bleibst du in den Hügeln.

Was ist der grösste Vorteil eines Wohnorts in den Bergen?
Wenn du schon am Ort bist, verlierst du nicht eine Minute des Tages!
Dieses Jahr und im Vorjahr hatten wir aussergewöhnliche Bedingungen. Weil wir so viel Schnee hatten, konnten wir neue Lines ziehen. In Les Diablerets gibt es immer
etwas zu entdecken und auszukundschaften.

Habt ihr keine Angst, dass ihr euch in Gefahr bringt, wenn ihr die Grenzen immer weiter ausdehnt?
Ich gehe mit Leuten in die Berge, die ich gut kenne. Beim Freeriden muss man dem Anderen total vertrauen.
Ich riskiere so wenig wie möglich, aber es ist mir auch schon passiert, dass ich in eine Lawine geraten bin. Wir haben für ein Video gedreht, und sie wollten unbedingt
filmen. Ich wusste, dass es riskant war... Ich habe mehrere Schneebretter losgetreten und bin immer davongekommen... aber etwas weiter unten bin ich dann mit
dem Ski an einer Wurzel hängengeblieben und kopfvoran gestürzt. Die Lawine kam schön langsam, aber sie hat mich erwischt. Nach 15 Minuten kamen sie und
haben mich befreit. Das hat mir Angst eingejagt, aber ich habe danach sehr schnell wieder mit dem Riden angefangen. Ich habe diesen Unfall als Teil meiner Erfahrung betrachtet, aber ich habe seither nicht mehr dasselbe Vertrauen wie vorher.
Wo es riskant ist, darf man nie allein losfahren. In diesem Sport kann man viel Spass haben, aber er birgt auch viele Gefahren. Wenn der Berg will, frisst er dich auf!
Beim Freeriden darf man nichts dem Zufall überlassen. Die Lines müssen sorgfältig gewählt, kalkuliert, im Voraus überlegt sein. Unfälle passieren oft dann, wenn man sich überschätzt. Leute, die viel in den Bergen sind, können verzichten. Man kann nicht nach einer Agenda Ski fahren, in der man sich die freien Tag zum Riden reserviert.
Schnee und Wetterbedingungen können sich sehr schnell verändern. Freeride ist Spass, Geduld, Technik und Kondition. Wir verbringen unsere Zeit im Schnee. Vielleicht können wir deshalb leichter nein sagen. Manchmal werden wir um Rat gefragt, und wir raten sehr gern, aber das können wir nicht von uns aus tun, sonst heisst es schnell, wir seien Moralprediger. Natur bleibt Natur, sie gehört uns allen, aber man muss sich immer bewusst bleiben, dass sie sehr gefährlich sein kann. Wir sind immer und in jeder Jahreszeit komplett ausgerüstet.

Was halten Sie als Skifahrer vom Snowboard?
Das Snowboard hat dem Skisport neuen Auftrieb gegeben mit seinen neuen Disziplinen. Es hat zur Weiterentwicklung des Materials geführt. Ich würde die Snowboarder nie heruntermachen... ich ziehe vor ihnen den Hut!

Warum ist Freeriden etwas so Besonderes?
Als Freerider bewegt man sich in einer so grossen Vielfalt von Geländeformen wie nirgendwo sonst. Nichts ist künstlich hergerichtet, und das natürliche Gelände ist voller Zauber. Zum Freeriden muss man Technik haben, aber man muss auch das Gelände lesen können. Man muss mit Hilfe von Orientierungspunkten einen Kurs zeichnen.
Man muss visualisieren lernen. Meine Spezialitäten sind Schnelligkeit und Fluss. Ich verwende gern das Bild vom Wassertropfen, der über einen Abhang mit glatter berfläche schnell und gleichmässig hinuntergleitet! Selbst wenn man mit über 100 Stundenkilometer talwärts fliegt,
fühlen sich alle Bewegungen an, als würde man sie in Zeitlupe ausführen.

Ein epischer Sturz, den du nie vergessen wirst?
Ich stehe im Ruf, eher selten zu stürzen, aber da ich schnell fahre, lege ich nach einem Sturz eine weite Strecke zurück, bevor ich zum Stillstand komme. Ich habe Glück, denn ich habe mich bei meinen Stürzen nie bös verletzt. Das Gefährliche am schnellen Fahren sind beim Freeriden die Steine.

Was macht das Skifahren so speziell?
Man kann in jedem Alter Ski fahren und lernen, Ski zufahren! Ich bin einer, der immer unter Strom steht, und ich denke, dass ich mit zunehmendem Alter ruhiger
werde und die Dinge mehr geniessen kann. Zum Beispiel das Licht und die Lichtreflexe in den Bergen. Ski fahren ist nicht nur Hänge hinunterbrettern, sondern vor allem sich in einer aussergewöhnlichen Umgebung bewegen, einmalige Panoramen geniessen.

Welches ist für dich der schönste Ort zum Leben?
Je mehr ich reise, umso mehr sehe ich, dass wir hier im Paradies sind! Les Diablerets hat im Winter und im Sommer sehr viel zu bieten...man hat hier nie alles gesehen! Zum Beispiel die alten Alpsennereien beim Pic Chaussy und die wunderschönen Weiler: sie erzählen vom Erbe unserer Vorfahren, vom Leben unseres Tals.

L’Ormonant, Donnerstag, 4. Juli 2013
 

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